Heute ist der Europäische Pilztag. Ja, wirklich. Den gibt es. Versprochen.
Welch fulminanter Anlass für eine Flurbegehung fernab der heimatlichen Tristesse.
Flurbegehung klingt allerdings zunächst nach einer beliebten Micromanagement-Methodik, bei der man an jenem vermeintlich arbeitszeitfreien, jedoch massiv rüstzeitbehafteten Bermudadreieck zwischen Schreibtisch und Kaffeemaschine Wache hält. Mit der angespannten Wachsamkeit eines Erdmännchens, dem man versehentlich disziplinarische Verantwortung übertragen hat.
Nein, wir verlassen diesen koffeinbetriebenen Rangierbahnhof der beiläufigen Zuständigkeiten. Wir schreiten hinaus ins Freie. Hinaus ins Gehölz, zum bewussten Zelebrieren des Hochamtes der sporenschleudernden Waldkobolde. Einmal dem Unterholz die gebührende Ehrerbietung erweisen, statt ausschließlich den Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, die eine eigene Kostenstelle besitzen.
So wanken wir, Vertreter der bemitleidenswerten Gattung Homo sapiens officii, also ins Freie. Den Nacken in der artgerechten, orthopädisch katastrophalen Demutshaltung des modernen Aktenknechts festgerostet, den Blick stoisch und sinnentleert auf das gnadenlose Rechteck des Smartphones genagelt.
Doch just in dem Moment, da unsere vom flackernden Kaltweiß der Monitore zermürbten, chronisch überreizten Maulwurfsaugen über den Displayrand stolpern, erhaschen wir plötzlich etwas am feuchten Waldesrand: Ein Pilz.
Nicht nur ein Pilz. Eine geschlossene Armada! Völlig bar jedweder PR-Abteilung, aber, und das nötigt selbst dem zynischsten Controller Respekt ab, in absolut makelloser Corporate Identity. Exakt gleicher Hut, exakt dieselbe erdige Farbpalette. Branding muss man eben können.
Doch was wir bei solchen Hutpilzen in unserer monumentalen, alles zermalmenden Ignoranz landläufig schnöde als „Pilz“ titulieren, ist ja lediglich das fleischige Periskop eines überwiegend verborgenen Organismus: der Fruchtkörper!
Unter diesen knubbeligen Schirmchen liegt: das Myzel! Eben jenes titanische Breitbandkabel von Mutter Natur. Ein filigranes Geflecht feiner Pilzfäden, das Boden oder Holz durchzieht und bei einzelnen Pilzorganismen sogar mehrere Quadratkilometer erreichen kann! Eine biologische Großveranstaltung sondergleichen, für die ein deutscher DAX-Konzern längst eine Stabsstelle, drei Lenkungsausschüsse und ein krisengeplagtes Task-Force-Komitee mit sündhaft teuren externen Beratern ins Leben gerufen hätte!
Und was tut unser Gehirn in diesem epochalen Moment der naturkundlichen Offenbarung? Was macht diese in Schädelknochen gefangene Gulaschkanone der Banalität? Es glotzt auf dieses atemberaubende Wunderwerk der Evolution, ignoriert das unfassbare Geflecht im Verborgenen mit der Ignoranz eines pubertierenden Teenagers beim Vokabeltest und quäkt stattdessen in unerträglicher Schlichtheit: „Schön. Kann man den essen?“
Vom Nadelwald auf den Nadelfilz der Tatsachen
Behalten wir diese himmelschreiende Engstirnigkeit im Geiste, während wir den Schauplatz abrupt wechseln. Daher: Zurück vom Nadelwald auf den Nadelfilz der Tatsachen. In den Ausbildungsbetrieb.
Wir lustwandeln durch die Flure, vorbei an den Katakomben der IT und den Glaspalästen der Chefetage, und plötzlich erblicken wir ihn: Den Auszubildenden!
Von seinem scheuen Blick ausgehend, wohl ein taufrisches, nach frischem Toner und jugendlichem Leichtsinn duftendes Exemplar des Humankapitals. Und sofort, wie ein pawlowscher Reflex der Personalabteilung, schnappt die exakt gleiche kognitive Mausefalle zu. Wir stieren den jungen Menschen an und denken: „Schön. Kann man mit dem arbeiten?“
Sowohl beim Pilz als auch beim Azubi steht gedanklich schon die Pfanne bereit. Beim einen geht es ums Abendessen, beim anderen um den Einsatzplan.
Natürlich sind Auszubildende keine Schwammerl. Die Parallele liegt in unserem katastrophalen, gnadenlos kurzsichtigen Blickwinkel: Wir starren auf den einzelnen Azubi und ignorieren mit schlafwandlerischer Souveränität etwas Gewaltiges im Hintergrund: Das Ausbildungsmyzel!
Denn so wenig der sichtbare Fruchtkörper den ganzen Pilz ausmacht, so wenig macht die bloße physische Anwesenheit eines Auszubildenden bereits eine Ausbildung aus.
Das Ausbildungsmyzel
Berufliche Ausbildung ist kein Abstellgleis mit Bespaßungsauftrag. Sie ist ein hochempfindliches, von juristischen Fußnoten, Ausbildungsrahmenplänen und Kammerregularien durchwobenes Nervensystem! Ein soziotechnisches Tohuwabohu! In diesem wuchernden, berufspädagogischen Myzel wirken der Betrieb, die Berufsschule, die ehrwürdigen Kammern, die Ausbildenden, die ausbildenden Fachkräfte und nicht zu vergessen die Auszubildenden selbst zusammen.
Die stehen nicht bloß als betrieblicher Nachwuchs im Unterholz. Sie fragen, lernen und gestalten mit.
Und gerade bei der Ausbildung muss ja alles ineinandergreifen! Da prallen Prozesse und Entscheidungen aufeinander wie Kontinentalplatten:
Wer plant verdammt noch mal welche Lernstation? Wer übernimmt die Begleitung? Welche Aufgabe passt zum Lernstand des Azubis – und nicht bloß zum aktuellen Personalloch? Und vor allem: Was passiert eigentlich mit einer Rückmeldung, nachdem sie ausgesprochen wurde? Verpufft die im Äther?
Aus einer theoretischen Zeile im Ausbildungsplan muss schließlich mit viel Schweiß eine tatsächliche Lerngelegenheit gestrickt werden. Dafür braucht es eine adäquate Aufgabe. Es braucht das richtige Arbeitsmittel. Es braucht Zeit. Und es braucht vor allem jemanden, der unfallfrei erklären kann, was überhaupt zu tun ist! Danach: Gelegenheit zum Üben. Und abschließend eine Rückmeldungsebene, die über das pädagogisch eher übersichtliche Spektrum zwischen „Passt schon“ und „Das hatten wir uns aber irgendwie anders vorgestellt“ hinausgeht.
Und diese Dinge müssen nicht bloß vorhanden sein. Sie müssen zusammenwirken. Sonst haben wir kein Ausbildungssystem, sondern einen pädagogischen Ersatzteilhaufen, über den jemand eine PowerPoint-Decke mit der Aufschrift „Ganzheitliches Konzept – Ausbildung 2016“ geworfen hat.
Ausbildung als soziotechnisches System
Genau dieses Zusammenspiel lässt sich fachlich als soziotechnisches System betrachten.
Das klingt zunächst wie ein schmerzhaftes, bildgebendes Diagnoseverfahren, bei dem man sehr lange stillhalten muss, während das Personal hinter einer Bleiwand in Deckung geht. Gemeint ist das Zusammenspiel von Menschen und technischen Arbeitsmitteln unter bestimmten organisatorischen Bedingungen. Diese Teile beeinflussen sich gegenseitig: Wie wir Technik gestalten, verändert die Zusammenarbeit. Wie wir Zusammenarbeit organisieren, entscheidet mit darüber, was die Technik leisten kann.
Auf Ausbildung übertragen heißt das: Die Auszubildenden, die Ausbildenden und die ausbildenden Fachkräfte arbeiten nicht unabhängig von ihren Werkzeugen, Zuständigkeiten und Handlungsmöglichkeiten. All das gehört zusammen.
Da ist der Mensch, der etwas lernen möchte. Da ist die Fachkraft, die es erklären könnte. Da ist das Arbeitsmittel, an dem es sich üben ließe. Und da ist die Organisation, die im entscheidenden Moment verkündet, dass dafür bedauerlicherweise gerade keine Zeit sei.
Drei Möglichkeiten und eine Verhinderungsentscheidung. Fertig ist der betriebliche Lernstillstand mit vollständig besetzter Teilnehmerliste.
Wer jetzt ausschließlich am Auszubildenden herumoptimiert, versucht ein unterbrochenes Stromnetz zu reparieren, indem er der Glühbirne einen Vortrag über Eigenverantwortung hält.
Dabei wird Ausbildung nicht erst durch Digitalisierung soziotechnisch. Auch die Werkstatt mit Maschinen, Papierplan und persönlicher Unterweisung lässt sich so betrachten. Die Cloud hat das Zusammenspiel nicht erfunden. Sie zieht lediglich in einen Haushalt ein, in dem die Zuständigkeiten möglicherweise schon seit Jahrzehnten ungespült in der Spüle liegen.
Wenn die Lernschwierigkeit auf den Server umzieht
Digitalisierung verändert dieses vorhandene Zusammenspiel. Sie ist nicht bloß eine neue Verpackung dafür.
Nehmen wir die Rückmeldung, von der gerade die Rede war. Stellen wir uns vor, ein Auszubildender hält in einem digitalen Nachweis fest, dass er einen bestimmten Arbeitsschritt noch nicht verstanden hat.
Die Information ist da. Sie lässt sich öffnen, lesen und bei Bedarf in beeindruckender Auflösung betrachten. Aber wer reagiert darauf?
Wer vereinbart eine passende Übungsaufgabe? Wer erklärt den offenen Schritt? Und wann schauen beide noch einmal darauf?
Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, haben wir eine Lernschwierigkeit lediglich erfolgreich auf einen Server umgesiedelt. Sie wohnt jetzt dort. Zentral gelegen, jederzeit erreichbar, ohne erkennbare Zukunftsperspektive.
Der Nachweis wird freigegeben. Der Vorgang ist abgeschlossen. Die Anzeige leuchtet grün wie eine behördlich genehmigte Frühlingswiese.
Nur verstanden hat der junge Mensch den Arbeitsschritt immer noch nicht.
Wir haben einen Verwaltungsvorgang beendet, aber keine Lernaufgabe gelöst.
Denn es macht einen Unterschied, wie wir digitale Werkzeuge gestalten. Ob eine offene Frage sichtbar wird oder zwischen Dateianhängen verschwindet. Ob eine verantwortliche Person erkennbar ist. Ob der Auszubildende seine Sicht ergänzen kann. Ob das System nur nach einer Unterschrift fragt oder auch einen nächsten Schritt festzuhalten erlaubt. Technik kann menschliche Arbeit je nach Gestaltung unterstützen oder behindern. Genau deshalb reicht eine rein technische Betrachtung nicht aus.
Vom Verwaltungsvorgang zum Lernprozess
Wenn wir ausschließlich das Abzeichnen erleichtern, bekommen wir möglicherweise eine hervorragend abgezeichnete Ausbildung. Eine makellose Unterschriftenplantage, durch die das tatsächliche Lernen gelegentlich als verirrtes Wildschwein hindurchläuft.
Interessant wird es dort, wo wir die digitalen Werkzeuge für einen zusammenhängenden Ausbildungsprozess nutzen. Denn auch ein Saxofon, ein Betonmischer und eine Tiefkühltruhe ergeben noch kein sinnvolles Zusammenspiel, nur weil jemand die gemeinsame digitale Unterbringung als integrierte Gesamtlösung ausschildert.
Bleiben wir bei unserem Auszubildenden und dem unverstandenen Arbeitsschritt. Ein sinnvoll gestalteter Ablauf könnte so aussehen: Die Fachkraft greift seine Rückmeldung auf. Beide klären, was genau noch unklar ist. Für den nächsten Einsatz wird eine passende Aufgabe vorgesehen und festgelegt, wer ihn dabei begleitet. Ein ergänzendes Lernangebot kann helfen, etwas vorzubereiten oder zu vertiefen. Anschließend besprechen beide, was inzwischen gelingt.
Planung, Dokumentation, Lernen und Rückmeldung wären dann nicht vier voneinander unabhängige Verwaltungsgottesdienste, bei denen zufällig dieselbe Personalnummer verlesen wird.
Sie gehörten zu einem Lernprozess.
Eine Plattform kann dafür technische Arbeitsmittel bereitstellen. Daraus folgt aber nicht, dass sich die pädagogischen Entscheidungen automatisch miteinander verheiraten, sobald jemand auf „Speichern“ drückt.
Der Betrieb muss klären, wie die Schritte zusammengehören. Wer handelt. Welche Informationen dafür gebraucht werden. Und welche Zeit tatsächlich zur Verfügung steht.
Dazu gehören die Auszubildenden an den Tisch. Nicht erst zur Einweisung in eine fertige Lösung, wenn ihre letzte verbliebene Gestaltungsmöglichkeit darin besteht, zwischen zwei Profilbildern zu wählen.
Sie sollen sagen können, welche Informationen ihnen fehlen, welche Rückmeldungen hilfreich sind und wo der vorgesehene Ablauf im Alltag gegen eine Wand fährt.
Und nein: Dafür müssen wir nicht jeden jungen Menschen in eine gläserne Petrischale mit Kompetenzampel setzen. Unser Ziel sollte nicht sein, möglichst lückenlos über Auszubildende Bescheid zu wissen. Sondern mit ihnen ihre Ausbildung verlässlich zu gestalten.
Was muss bei uns zusammenwirken?
Genau hier setzen wir mit Talent2Go an.
Talent2Go ist nicht das gesamte Ausbildungsmyzel. Aber wir helfen dabei, wichtige Verbindungen darin zu organisieren. Unser Anspruch ist nicht nur, Unterlagen gemeinsam unterzubringen. Wir wollen Planung, Dokumentation, Rückmeldung und Lernen im Ausbildungsalltag zusammenführen.
Wir ersetzen weder die Beziehung noch die Verantwortung. Wir stellen Werkzeuge bereit, mit denen die Beteiligten Informationen für ihre jeweilige Aufgabe organisieren und zugänglich machen können. Die Ausbildung sollte jedenfalls nicht davon abhängen, dass eine einzige langjährige Kollegin weiß, welche hilfreiche Information in welcher der fünf Dateien auf welchem der zehn Netzlaufwerke liegt. Diese Kollegin hat irgendwann Urlaub. Dann sollte die Ausbildung trotzdem weitergehen. Damit wären wir wieder auf unserem Nadelfilz der Tatsachen.
Wir begegnen einem Auszubildenden. Freuen uns, dass er da ist. Und bevor der innere Personalverwertungsbeauftragte erneut seine kleine Pfanne aus dem Aktenkoffer zieht, stellen wir neben „Was kann der schon?“ eine zweite Frage: „Was muss bei uns zusammenwirken, damit er es lernen kann?“
Plötzlich geht es nicht mehr ausschließlich um die Leistung des Einzelnen. Es geht auch um unsere Aufgaben, unsere Entscheidungen, unsere Zusammenarbeit und unsere digitalen Werkzeuge. Um das Geflecht.
Genau dort beginnt eine Digitalisierung, die mehr sein will als die feierliche Elektrifizierung des bisherigen Durcheinanders.
Wir geben nicht bloß dem Auszubildenden einen Zugang. Wir gestalten die Bedingungen, unter denen er sich entwickeln kann.
Ein Ausbildungsbetrieb sollte schließlich mehr sein als ein Pilzsammler mit Personalabteilung.
Er soll Entwicklung ermöglichen. Nicht bloß hoffen, dass ihm die fertige Fachkraft irgendwann zwischen zwei Abteilungen aus dem Boden wächst.
In diesem Sinne: Waldmannsheil bei der nächsten Pilzejagd – und nehmen Sie den Azubi ruhig mal mit.