Es gibt Tage, die tragen die Verheißung der Erkenntnis in sich. Jene seltenen, gleißenden Momente, in denen man glaubt, das Wesen eines jungen Menschen wirklich begriffen zu haben: Seine Stärken; Seine Baustellen; Seinen Weg.
Aber hier sitzt du nun: Vor einem Beurteilungsbogen, der aussieht, als hätte ihn jemand 2009 in einer Mittagspause zusammengeklickt und seither nie wieder angefasst. Fünf Kriterien. Eine Skala von eins bis fünf. Ein Freitextfeld, das dich anstarrt wie ein leeres Grab. Und gegenüber ein Azubi, der mit der stoischen Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs darauf wartet, dass du ihm erklärst, was eine Drei in „Teamfähigkeit“ eigentlich bedeutet — wobei weder du noch er noch ein höheres Wesen noch die gesamte versammelte Personalentwicklungszunft der Bundesrepublik Deutschland jemals eine belastbare Antwort auf diese Frage hervorgebracht haben.
Du wolltest doch mal Lernbegleiter:in sein. Nicht Formularverwalter:in. Nicht Kreuzchensetzmaschine im Dienste einer Akte, die ohnehin niemand liest. Du hattest diesen identitätsstiftenden Moment. Diese eine, klare Sekunde, in der du dachtest: „Ich will junge Menschen weiterbringen.“
Und jetzt sitzt du hier, mit einem Kugelschreiber in der Hand und einem Dokument, das die Tiefe eines Bierdeckels hat, und sollst damit ein Gespräch führen, das Entwicklung ermöglicht.
Nun ist heute nicht irgendein Tag.
Die Kunst der billigen Illusion
Denn es gibt im Gregorianischen Kalendarium Tage, die tragen das Menetekel ihrer eigenen Verwerflichkeit bereits im Namen. Für den ein oder anderen mag der 1. April eine solche zeitliche Verirrung sein. So ist er doch der Feiertag des hanebüchenen Unfugs, dessen einzige, zutiefst zweifelhafte zivilisatorische Leistung darin besteht, den ohnehin fragilen Kitt des gesellschaftlichen Vertrauens für exakt vierundzwanzig Stunden brüllend in den Orkus zu schleudern. Man ruft in den Gang: „Der Drucker hat jetzt auch KI und funktioniert über Sprachsteuerung!“ und ganze Heerscharen akademisch gebildeter Sachbearbeiter galoppieren flötend den Flur hinab, in der trügerischen Hoffnung auf eine digitalisierte Zukunft.
Doch das wahre Drama, die geradezu antike Tragik dieses Datums, offenbart sich erst im Lidschlag danach. In dieser atemlosen, gnadenlosen Sekunde, in der das feist grinsende Antlitz der Vorfreude in die Fratze der nackten, schnöden Ernüchterung entgleist.
Denn wer je in seiner Jugend ein YPS-Heft aus der schützenden Zellophan-Hülle schälte, kennt dieses jähe Erkalten der Seele. Da wurde auf dem Titelblatt nichts Geringeres verheißen als die Beugung physikalischer Grundgesetze: Röntgenbrillen zur sofortigen Durchdringung tragender Wände! Urzeitkrebse, die binnen eines Nachmittags ein prosperierendes maritimes Imperium in der elterlichen Salatschüssel errichten sollten! Und was entfiel der Verpackung? Ein labbriges Stück Altpapier mit einem hastig gestanzten Loch und einer purpurroten Plastikfolie, deren optische Leistung exakt der einer leeren Mettwurstpelle entsprach.
Der Trick war ein Desaster. Aber man pilgerte am folgenden Donnerstag dennoch wieder treudoof zum Kiosk.
Die Büchse der Pandora trägt einen Aktendeckel
So mag es auch Pandora gegangen sein. Sie öffnete eine kleine Büchse in der unstillbaren Hoffnung auf Linderung, in der Sehnsucht nach Erkenntnis und heraus flog das nackte, kreischende Elend.
Die duale Berufsausbildung nennt ihre Büchse den Beurteilungsbogen. Ein in der Regel dreifach gelochtes, von Kaffeeflecken der Vorjahre klamm gewordenes Schriftstück, das in einem Leitz-Ordner der Farbe „Büro-Grau-Verzweiflung“ sein trauriges Dasein fristet. Man schlägt den metallenen Bügel um, es macht dieses garstige Klack, man blättert, man lechzt nach pädagogischer Erkenntnis, nach einem Funken menschlicher Entwicklung, nach Wahrheit! Und was springt einem, hämisch grinsend, aus der vergilbten Tabelle entgegen?
Eine profane, blutleere Skala von eins bis fünf. Ein numerisches Ratespiel, dessen zerebrale Komplexität exakt der Auslosung der Lottozahlen entspricht, nur ohne die geringste Chance auf einen Hauptgewinn. Fünf Kästchen der vollumfänglichen Ahnungslosigkeit! Und wo landet das hastig gezitterte Kreuz in achtundneunzig Prozent aller historisch verzeichneten Fälle? In der güldenen Mitte. Bei der Drei. Die Drei ist der feige Notausgang des Personalwesens. Sie tut niemandem weh, sie erfordert keine Begründung, sie ist das schweigende, resignierte Schulterzucken der Ausbildungsverantwortlichkeit, formschön in blaue Tinte gegossen.
Und wofür wird diese feige Drei vergeben? Für Beurteilungskriterien, die dem Poesiealbum eines spätromantischen Verwaltungsfachangestellten entsprungen sein könnten! Da steht dann das Wort „Teamfähigkeit“. Herrschaftszeiten, was soll das sein? Keine einzige erhellende Silbe erläutert dem geneigten Betrachter, wo in der windgepeitschten, eiskalten Steppe dieser Teamfähigkeit die glorreiche Zwei endet und die mäßige Vier beginnt. Bedeutet die Zwei, dass der Auszubildende morgens mit einem liedhaften Gruß die Werkstatt betritt? Oder bedeutet die Vier bereits, dass er unfallfrei den Pausenraum verlässt, ohne die Kaffeemaschine verbal zu entwürdigen oder dem Abteilungsleiter in den Ficus zu spucken?
Und dann, ganz unten, jenseits der Tabelle, nach all den hastig und schuldbewusst gesetzten Kreuzchen, thront es. Gleich einem stummen Mahnmal des absoluten zwischenmenschlichen Desinteresses: das Freitextfeld. Betitelt mit „Sonstige Bemerkungen“ oder, noch zynischer, „Entwicklungspotenziale“. Ein architektonischer Totraum auf DIN A4. Eine papierne Wüste Gobi, die seit ihrer Erzeugung auf dem Windows-95-Rechner der Personalabteilung im Herbst 2011 von exakt keinem menschlichen Wesen jemals mit Tinte benetzt wurde. Warum auch? Ein ganzer, selbst formulierter Satz in diesem Feld könnte ja versehentlich ein echtes, atmendes Gespräch provozieren! Also manövriert der Ausbilder seinen Kugelschreiber panisch an dieser Leere vorbei, direkt zur rettenden Unterschriftszeile.
Es ist das absolute Vakuum der Wertschätzung. Es ist der Boden der Büchse — dort, wo einst die Griechen als letzten Trost die Hoffnung wähnten. Beim gewöhnlichen Beurteilungsbogen liegt dort nur eines: Staub. Und das gedämpfte Seufzen eines Systems, das sich selbst aufgegeben hat.
Das Handwerk hinter dem Vorhang
Dabei ist der schlichte Akt der Beurteilung an sich ja kein arkanes Druiden-Mysterium! Ganz im Gegenteil. Sie ist, wenn sie denn den gesicherten Boden der geistigen Zurechnungsfähigkeit nicht mutwillig verlässt, ein Akt tiefster, geradezu leuchtender menschlicher Wertschätzung: Da schaut jemand hin. Jemand zweigt etwas von seiner ohnehin absurd knappen Lebenszeit ab. Jemand reicht dir die Hand und spricht: „Guck mal, hier stehst du, du wackerer Tor an der Pforte des Berufslebens. Und dorthin, hoch hinauf, könnte dein Weg dich noch führen — vorausgesetzt, du hörst endlich auf, die Computermaus mit beiden Händen wie ein panisches Lenkrad festzuhalten.“
Aber es ist ein Handwerk. Ein erlernbares, messbares, ehrliches Handwerk.
Es verlangt nach klaren, unmissverständlichen Verhaltensankern, auf dass in der Fräserei von Betrieb A und in der Buchhaltung von Betrieb B unter einer Drei nicht zwei vollkommen diametrale Paralleluniversen der krachenden Mittelmäßigkeit verstanden werden. Es bedarf sogenannter Items, die nicht wild fabulieren, sondern tatsächlich beobachtbares Verhalten destillieren — Sätze von beinahe lyrischer Klarheit wie: „Formuliert eigenständig verständige Rückfragen und rührt nicht einfach nur acht Stunden lang stumm und fatalistisch in der betrieblichen Melange.“
Man muss aufhören, den Fragebogen als spirituelles Pendel zu missbrauchen. Man kann nicht versuchen, mit dem stumpfen Bleistift der Küchenpsychologie in der empfindsamen Seele des Auszubildenden herumzusezieren.
Und es verlangt, am allermeisten und allerdrängendsten, nach einer soliden architektonischen Struktur — einer Struktur, die das anschließende Gespräch nicht aus Feigheit ersetzt, sondern es tapfer vorbereitet. Ein Gespräch auf Augenhöhe, bei dem nicht das schiefe Kreuzchen auf dem toten Papier das diktatorische letzte Wort hat, sondern der Mensch aus Fleisch und Blut, der dieses Kreuz gesetzt hat, dem jungen Menschen ins Gesicht blicken und handfest erklären muss, warum.
Denn das ist die unumstößliche Wahrheit, die auch jeder Taschenspieler kennt: Kein Zaubertrick der Welt funktioniert ohne akribische Vorbereitung. Kein einziger.
Elpis trägt keinen Aktendeckel
Das YPS-Gimmick scheiterte nie an der Vision. Die Idee war von geradezu prometheischem Ausmaß — welches Kind wollte denn nicht mit einem Stück Plastik aus dem Zeitschriftenhandel durch tragende Wände sehen? Es scheiterte krachend an der erbärmlichen Realität des Materials: minderwertige Pappe statt optischer Präzision, gefärbte Wurstpelle statt physikalischem Wunder, und über allem die feige, stille Annahme der Redaktion, dass das betrogene Kind in seiner Verzweiflung schon irgendwie selbst herausfinden werde, wie es sich die Illusion schönsäuft.
Und exakt so scheitern Beurteilungsgespräche. Nicht, weil Ausbilder:innen keine Lust hätten — wer täglich an vorderster Front den heroischen Spagat vollführt zwischen fachlicher Unterweisung, inquisitorischer Berichtsheftjagd und der großen, alles überschattenden existenziellen Frage, ob Azubi Sören nun zum dritten Mal in dieser Woche tatsächlich medizinisch belegbar „krank“ ist oder schlichtweg eine akute, psychosomatische Unverträglichkeit gegenüber dem Wochentag Montag entwickelt hat — der leidet ganz sicher nicht an einem Mangel an Engagement.
Der leidet an chronisch minderwertigem Werkzeug.
Nun hat Talent2Go hat den billigen Zauberkasten feierlich auf dem Scheiterhaufen der Personalentwicklung verbrannt und stattdessen mit dem Talent Management für Nachwuchskräfte samt dem neuen, individuell konfigurierbaren Beurteilungswesen eine echte, massive Werkbank in den Raum gewuchtet.
Denn ganz unten am Boden der Büchse — verborgen unter dem feinen Staub der alten Formulare und dem mentalen Schutt abertausender verpasster Gespräche — liegt sie noch immer, geduldig wartend: die Elpis. Die Hoffnung. Nicht als naiver, rosaroter Glaube, dass sich die Dinge in der Berufsausbildung schon irgendwie von selbst richten werden. Sondern als die stille, stahlharte Gewissheit, dass kluge Fragen unweigerlich bessere Antworten hervorbringen als gar keine.
Man muss eben nur endlich aufhören, die Büchse jedes Mal mit derselben billigen Pappe zu füllen.